Die Sozialarbeit als Sicherheitsnetz
Das Büro in der Windegg hat niedrige Decken, einen Kachelofen und verspürt den typischen Charme eines alten Appenzeller Hauses. Durch die Fenster fällt Sonnenlicht, der Frühling steht vor der Tür. «Hier in Herisau bin ich aufgewachsen», erzählt Anne Herz-Barbey. «Mittlerweile wohne ich zwar seit geraumer Zeit in St. Gallen, aber meinen beruflichen Mittelpunkt habe ich nach wie vor in der Gemeinde.» Anfang Januar übernahm sie die Stelle als Bereichsleiterin Jugendsekretariat und Sozialberatung von Thomas Schiltknecht, der pensioniert wurde. «Zuvor war ich die Leiterin des Jugendzentrums, das ich damals selbst mitaufbauen und konzipieren durfte. Nebenbei war ich aber bereits seit drei Jahren in der Jugendberatung tätig und die Stellvertreterin von Thomas. Deshalb war es für mich ein planbarer und geordneter Übergang, nachdem mich der Gemeinderat zur Nachfolgerin gewählt hat.»
Einsamkeit als Problem
In ihrer neuen Rolle trägt Anne Herz-Barbey die Verantwortung für die Fachbereiche Jugendzentrum, Sozialberatung, Jugendberatung, Jugendwohnungen und Mobile Sozialarbeit. «Mir unterstehen acht Mitarbeitende und zwei Aushilfen, und ich habe die operative Leitungsfunktion für den ganzen Bereich inne. Das ist eine grössere Verantwortung als zuvor in meiner Rolle als Leiterin des Jugendzentrums mit vier Mitarbeitenden. Allerdings kommt es mir sehr entgegen, dass wir ein eingespieltes und sehr kompetentes Team sind.» Trotz der neuen Aufgaben nehme die Fallarbeit mit Jugendlichen nach wie vor den Grossteil ihrer Arbeit ein. In den letzten Jahren habe vor allem die Komplexität der Fälle zugenommen. «Es kommt immer öfter vor, dass jemand aufgrund eines bestimmten Anliegens kommt und sich im Verlauf der Gespräche herausstellt, dass viele verschiedene Lebensbereiche betroffen sind. Sucht uns ein Jugendlicher wegen finanzieller Probleme auf, kann es sein, dass dadurch auch die psychische Gesundheit betroffen ist oder familiäre Krisen auftreten.»
Die psychische Gesundheit der Bevölkerung habe nicht erst seit der Pandemie gelitten. «Vor allem junge Menschen sind einem hohen Leistungsdruck und gesellschaftlichen Erwartungen ausgesetzt. Dazu kommen die Schattenseiten der Digitalisierung, die ständige Verfügbarkeit von Informationen und die Risiken von Social Media: Obwohl wir so gut vernetzt sind wie nie zuvor, nimmt die Einsamkeit der Menschen eher zu. Das Leben spielt sich verstärkt im digitalen Raum ab, worunter sehr viele leiden. Es fehlt an Kontakten, Beziehungen und richtigen Freundschaften.» Die derzeitige Weltlage mit all ihren Unsicherheiten trage ebenfalls einen Teil zu den negativen Entwicklungen bei und löse vor allem bei jungen Menschen Zukunftsängste aus.
Niederschwelligkeit als Mantra
Laut Anne Herz-Barbey sprechen die Menschen heute offener über ihre psychische Gesundheit und suchen sich bewusst Hilfe. «Die Arbeit unseres Bereiches wird manchmal gar nicht richtig wahrgenommen», sagt sie. «Das liegt daran, dass wir präventiv arbeiten und die Probleme der Menschen dank niederschwelligen Angeboten möglichst früh sichtbar werden und gemeinsam angegangen werden können. So können wir mithelfen, einschneidende und kostenintensivere Massnahmen für Betroffene zu verhindern. Mit unseren Beratungen, Jugendwohnungen und der Mobilen Sozialarbeit haben wir ein breites Angebot, das Menschen, die durch das Netz zu fallen drohen, hoffentlich frühzeitig auffängt.» Um Betroffenen die Kontaktaufnahme möglichst einfach zu machen, steht seit Kurzem auch eine Whatsapp-Nummer zur Verfügung. «In Zukunft möchten wir zudem eine Möglichkeit schaffen, uns anonym zu kontaktieren und erste Fragen zu stellen», erklärt Herz-Barbey. «Es soll keine Überwindung kosten, den ersten Schritt in Richtung professionelle Hilfe zu machen. Deshalb machen wir uns immer wieder Gedanken, wie wir unsere Angebote noch niederschwelliger und jugendgerechter machen können.»
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